Am Morgen sieht alles noch fein aus und mit einem Lächeln nippst du an deinem ersten Kaffee. Der Berg an Arbeit ist überschaubar, die Mittagspause ist beim Lieblingsitaliener um die Ecke eingeplant und nach Feierabend wartet ein gemütlicher Filmabend und das Sofa deiner besten Freundin auf dich. Dann das erste Meeting und eine kurzfristige, dringende Anfrage landet ungefragt auf deinem Tisch. Ein Gefühl von Unmut macht sich in dir breit und die ersten längerfristig geplanten To-Dos fliegen von deiner Liste. Die Mittagszeit naht und zugunsten des pünktlichen Feierabends muss die Pizza à la Pedro heute eben leider ausfallen – Schließlich wartet deine beste Freundin auf dich. Der Stundenzeiger rast von 17 über 18, 19 bis zu 20 Uhr – Für den Filmabend ist es jetzt zu spät und mit Bedauern und Unmut sagst du deiner besten Freundin ab.

Du kennst Tage wie diesen? Scheinbar freiwillig gehst du einen kleinen Kompromiss nach dem anderen ein, um mit deiner Arbeit Schritt zu halten. Es sind viele einzelne Entscheidungen, die das Gesamtbild deines Lebens ausmachen. Leider führen diese scheinbar kleinen Kompromisse dazu, dass du dich derjenigen Aktivitäten beraubst, die zu deinem Wohlbefinden beitragen und dich im Gleichgewicht halten.

Ein wissenschaftliches Modell erklärt, warum wir uns so verhalten

Die Burnout-Expertin Prof. Marie Åsberg hat dieses Phänomen untersucht und als Erklärungsansatz das Modell des „Exhaustion Funnels“ entwickelt. Dieses beschreibt die Abwärtsspirale, die entsteht, wenn wir unsere Aktivitäten immer weiter einschränken, bis nur noch diejenigen Aktivitäten übrigbleiben, die uns unerlässlich erscheinen. Priorisiert werden Grundbedürfnisse, die zur Lebenserhaltung beitragen. Dies führt dazu, dass unser Lebens- und Wahrnehmungshorizont immer kleiner wird und darin gefühlt kaum noch die Sonne scheint.

Bevor uns die Abwärtsspirale erfasst, führen wir ein ausgeglichenes Leben. Würde man dieses Lebensgefühl in Schnappschüssen festhalten, so wäre dein Fotoalbum gefüllt mit Aufnahmen aus deinem Arbeitsalltag, aus häuslichen Aufgaben wie Putzen und Einkaufen, aus Erholungsmomenten wie sonntags auf der Decke im Park der Lieblingsmusik lauschen und regelmäßigen Treffen mit Freunden. Nimmt dein Körper zunehmend Stresssignale wahr, so werden wir dazu verleitet uns auf das Wesentliche zu beschränken. Entspannung und soziale Kontakte werden da schnell einmal verschoben oder finden gar keinen Platz mehr im Kalender.

Das Fehlen von Elementen eines positiven Ausgleichs wirkt sich negativ auf unser Energielevel und unsere Psyche aus und wir entscheiden uns weitere Streichungen vorzunehmen. Der Hausputz reicht schließlich auch alle drei Wochen und wozu kann man Essen bestellen. Am Ende der Spirale fokussieren wir mit Mühe und Not unsere Energie auf den Arbeitsalltag. Irgendwann wird auch das unmöglich – Burnout. Und dabei hat es doch nur mit kleinen Kompromissen angefangen.

Wie kannst du diese Abwärtsspirale rechtzeitig erkennen?

Hier findest du einige Fragen, die dir helfen, zu evaluieren, ob du vielleicht schon mehr Kompromisse eingehst als dir und deinem Wohlbefinden guttun.

  • An wie vielen Tagen in der Woche nimmst du dir Zeit für eine erholsame Mittagspause?
  • Kannst du für deine letzte Woche mindestens drei Aktivitäten aufzählen, die dir Freude, Spaß und/ oder Entspannung gebracht haben?
  • Neigst du dazu deinen Feierabend regelmäßig nach hinten zu verschieben?
  • Haben Verabredungen mit für dich wichtigen Menschen noch Platz in deinem Kalender?
  • Fühlst du dich zu erschöpft, um an hilfreichen Gewohnheiten wie beispielsweise Sport oder Meditation festzuhalten?

Deine Work-Life-Balance ist kein Luxus, sondern ein Muss

Von dem Modell des „Exhaustion Funnel“ können wir lernen, dass es jeden Tag aufs Neue die aktive Priorisierung unseres Wohlbefindens braucht. Unsere Batterien auf mentaler und körperlicher Ebene laden wir durch positive Eindrücke und Aktivitäten sowie ausreichend Erholung auf. Deine Work-Life-Balance ist also kein Luxus, sondern ein Muss.